Schicksalhafte Schwangerschaft

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Sie. Selbst. Nackt.
Paula Modersohn-Becker und andere Künstlerinnen im Selbstakt

Hatje Cantz Verlag, 2013
ISBN 978-3-7757-3664-0

Mit Textbeiträgen von Verena Borgmann und Renate Berger

 

 

Tanja Malycheva
Seitdem Xenia Hausner sich im Jahr 1992 von ihrem Leben als europaweit gefragte Bühnenbildnerin verabschiedet hat, widmet sie sich ausschließlich der Malerei. Der Bezug zum Theater ging in ihrer Arbeit aber nicht verloren. Denn Hausners Interesse gilt vor allem den Menschen »in fiktiven Zusammenhängen, in erfundenen Romanen«, wie die Künstlerin es in einem Gespräch mit Bazon Brock formuliert. Sie selbst wird eher selten zum Motiv. Damit nimmt die Arbeit Nachher – Hausners bis jetzt einziges Selbstbildnis im Akt – eine besondere Stellung in Ihrem OEuvre ein.
Ihre Arme vor der Brust verschränkt, steht die Künstlerin vollständig nackt hinter einem breiten, in eine Farbpalette umfunktionierten Tisch, auf dem Malutensilien verstreut sind. Ihr zur Seite geneigter Kopf, ihre halb verschlossenen, von dunklen Schatten umgebenen Augen und der ernste, fast leidende Blick, den sie dem Betrachter zuwirft, zeugen von Erschöpfung. Der Eindruck von Abgeschlagenheit wird in der farblichen Gestaltung des Körpers noch gesteigert. Als wäre Hausner einer Geißelung unterworfen worden und mit Wundmalen übersät, ist ihr helles Inkarnat mit kräftigen, teils unvermischten grünen, gelben, roten und blauen Farbflächen durchsetzt, die in breiten Pinselstrichen mosaikartig aneinander gestaucht werden. Wie Christus in Ecce-Homo-Darstellungen ist sie in diesem Selbstbildnis eine Schöpferin, die für ihre Kinder – ihre Kunstwerke – leiden muss.
Diese Wirkung erschließt sich umso deutlicher durch den Vergleich zu dem als Vorher betitelten Pendant des Porträts, in dem die Künstlerin sich in eine gegürtete Hose und ein weites, bis auf den letzten Knopf zugeknöpftes Hemd gekleidet abbildet. Die Ärmel aufgekrempelt und ihre Arme energisch in die Hüften stemmend, fixiert sie ihr Gegenüber mit einem neugierigen, analysierenden Blick und tritt maskulin, zielstrebig und kompromisslos auf.
Diese beiden Selbstbildnisse sind wie zwei Akte eines Theaterstücks über Lust und Schmerz, in dem Hausner und ihre expressionistische Malerei die Hauptrollen spielen. Nachher ist das Ergebnis des auf Vorher folgenden dramatischen Malaktes, in dem die Künstlerin mit dem Körpereinsatz eines Bildhauers die Malerei leidenschaftlich formt, mit ihr ringt und sich dabei vor dem Betrachter sprichwörtlich entblößt. »Paula Modersohn-Becker ‘geht mir durch und durch'”, gesteht Hausner in ihrem dem Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (siehe unten) gewidmeten Aufsatz. Die Seelenverwandtschaft der beiden Einzelgängerinnen wird gerade in den Parallelen zwischen ihren Aktbildnissen besonders deutlich: im selbstbewussten Präsentieren des nackten Körpers, ohne Verspieltheit oder Schamgefühl und im eigenständigen, den Mainstream-Tendenzen trotzenden Umgang mit der Malerei.

Xenia Hausner
Schicksalhafte Schwangerschaft
Paula Modersohn »geht mir durch und durch«. Die Wahrhaftigkeit des Empfundenen und die radikale künstlerische Umsetzung bringen ein starkes, überwältigendes Werk hervor. Das kann man gut sehen an Selbstporträt mit Bernsteinkette und Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag. Beide Bilder sind aus dem Jahr 1906. Die Bernsteinkette ist malerisch radikal, ihrer Zeit weit voraus und hätte auch von Picasso oder Modigliani gemalt sein können. Die fast formelhafte Darstellung des Gesichts und die flächige Farbgebung der Haut gehen schon einen großen Schritt in Richtung Abstraktion und sind für die deutschen Zeitgenossen, die nicht mit Paula Modersohn in Paris waren, ein Skandal.
Das Selbstportrait am 6. Hochzeitstag ist zwar in der Malweise naiver als die Bernsteinkette, dafür aber unerhört in der Wahl des Themas. Mir ist in der Kunstgeschichte kein früheres Bild bekannt, daß eine bewußt gemalte nackte Hochschwangere zeigt, abgesehen davon daß die nackten Frauen der Renaissance und des Barock aufgrund des damals herrschenden Schönheitsideals schwanger auf uns wirken. In der Fotokunst sind uns die semierotischen Darstellung von Schwangeren vertrauter, zum Beispiel durch Annie Leibovitz’ Bilder von Demi Moore in Vanity Fair. Das läßt uns vergessen, wie revolutionär das Thema damals gewesen sein muß. Paula Modersohns Selbstbildnis ist um so ergreifender, wenn man weiß, daß sie zu dieser Zeit noch gar nicht schwanger war. Die Selbstdarstellung im imaginierten hochschwangeren Zustand ist Beschwörungsformel und Wunschdenken zugleich. Die Schwangerschaft, die im Leben noch nicht gelungen war, wurde in der Kunst ausgetragen. An der Schwangerschaft im wirklichen Leben ist Paula Modersohn ein Jahr später gestorben. Die Symbol- und Schicksalhaftigkeit könnte von Thomas Mann erfunden worden sein.
Trotz des weiblichen Sehnsuchtsmoments im 6. Hochzeitstag hat gerade ihr nicht sentimentaler Blick die Zeitgenossen als etwas Unerlaubtes verärgert. Durch diesen Blick, der schon in der Motivwahl eigentlich ein »männlicher« ist, wird ihr Schicksal als Frau, die malt, zu einem typisch weiblichen – und in der Ausgrenzung und Vernichtung ein tragisches.

Xenia Hausner: Schicksalshafte Schwangerschaft. In: Petra Müller und Rainer Wieland (Hg.): Frauen schön und stark. Frauen von heute über die Schönen in der Kunst.

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