Philipp Blom – Drei Abschiede

Philipp Blom: Drei Abschiede

Es ist die Stille, die einen zuerst berührt. Dies sind Abschiede, aber es gibt keine letzten Wünsche und Beteuerungen, Grüße und Beschwörungen. Die Protagonisten sind stumm. Ein kleiner Junge wird zum Fenster hinaufgehoben, aber auch er scheint seine Hand wortlos nach einer der Reisenden im Abteil zu recken. Die Beteiligten sprechen mit ihren Händen. Sie gestikulieren nicht – sie strecken sie aus, halten sich fest, deuten auf etwas Unsichtbares.

Was sind das für stumme Abschiede? Warum treffen sich die suchenden Augenpaare nie? Und warum tauche einige der Figuren in den drei Szenen aber unterschiedlichen Zügen und Kombinationen wieder auf? Auf was für einer Reise befinden sie sich eigentlich?

Dicht gedrängt am Fenster sehen sie zuerst alltäglich aus. Aber die junge Frau mit ihrer gemusterten Decke und ihrem roten Kopftuch, die wie ein Flüchtling wirkt und doch sonst ganz westlich gekleidet ist (vor wem flüchtet sie, oder vor was?), die Frau mit dem aufwärts gewendeten Blick, nach der sich der kleine Junge draußen erfolglos reckt, erinnert stark an die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes in einem dicht gedrängten Abteil 2. Klasse. und der junge Mann über ihr, der mit seiner barock deutenden Hand in die Höhe weist? Wir sind in einem zeitlosen Moment, irgendwo zwischen der Gegenwart, der Zeit der altmodischen Zugabteile und einem Altarbild aus Rom um 1600.

Die Malerin legt Spuren um sie gleich wieder zu verwischen. Auf dem nächsten Tableau ist es Nacht. Nur das Abteil ist grell ausgeleuchtet. Hinter der Scheibe des halb geöffneten Fensters versinkt die junge Maria wie in einem Aquarium. Jetzt ist sie die Deutende, oder vielleicht hat ihre Hand auch einfach keine Kraft mehr, sich festzuhalten. Dies ist eine scheinbar ruhigere Szene. Niemand reckt sich aus dem Abteil. Eine Frau auf dem Bahnsteig macht ein letztes Foto, aber der Bildschirm ihres Handys zeigt nicht das Gesicht, auf das er gerichtet ist. Zwei himmelblau bekleidete Frauenbeine vom Dach des Waggons gehören wohl zu der Hand, die eine Schale ins Abteil hinunterreicht, aber die Schale scheint leer zu sein. Und wie sollte die Frau es geschafft haben, mit ihren hohen Hacken auf den Zug zu steigen? Was tut sie dort? Eine Hand fasst sie an, hält sie fest, zieht sie herab. Der junge Mann aus dem Inneren des Abteils, der sie so berührt, blickt direkt aus dem Bild heraus, die Augen leer, fast hoffnungslos, ohne emotionale Bindung.

Im dritten Abteil gibt es keine deutenden Hände mehr. Die Frau, die anfangs gewirkt hatte, wie eine Marienfigur, hat ihre Augen geschlossen, ganz versunken, ertrunken im Aquarium ihres Schweigens. Drei andere junge Frauen haben ihren Platz am Fenster eingenommen, haben sie verdrängt und füllen mit ihren Händen den Rahmen aus, wie um ihn zu definieren. Zwei von ihnen blicken zurück, auf etwas, was sie hinter sich lassen. Es scheint, als bedauerten sie diesen Abschied nicht. Sie winken niemandem, sehen niemanden direkt an. Ein Paar auf dem Bahnsteig umarmt sich wie in Trauer.

Langsam verdichtet sich eine neue, verstörende Perspektive auf die Reisenden. Voneinander isoliert und stumm gestikulierend umgibt sie eine latente Panik. Sie kämpfen um Platz, um Luft zum Atmen, drängen sich ans offene Fenster und zögern dabei nicht, einander zu erdrücken. Sie sind weder Touristen noch Flüchtlinge – sie sind auf einer Reise deren Ziel sie selbst nicht kennen. Die Zugabteile waren einmal Teil eines geordneten Netzes von Destinationen und Fahrplänen (die Nummern auf den Waggons zeugen noch davon) aber sie sind längst heruntergekommen, mehrmals neu angestrichen worden, haben Eigentümer, Ziele und Zweck gewechselt, sind im Zeitalter der Flugreisen zu seltsamen Anachronismen geworden. Die Reisenden selbst sind jung, modern gekleidet, Teil einer anderen Welt. Trotzdem freuen sie sich nicht auf das, was sie erwartet, sie sind zu allein, zu sehr damit beschäftigt, um ihr eigenes Überleben zu kämpfen.

Rechts im letzten Bild, nur zur Hälfte Teil der Szene, steht eine schwarz gekleidete, weibliche Figur und hebt die offene Hand. Sie gebietet Einhalt, sieht den Betrachter an, deutet nirgends hin. Ihre Geste ist halb Warnung und halb Orakel. Wovor warnt sie?

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