Menschenbilder

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XENIA HAUSNER
MENSCHENBILDER

Edition Galerie Thomas
München, 1996

 

 

Xenia Hausner
Vom Menschen malen
Als ich zu malen angefangen habe, wußte ich nicht, in welches Abenteuer ich mich verstricke. Eines Tages, zwischen zwei Bühnenbildern, habe ich ohne Konzept und Grundsatzüberlegung begonnen, ein Bild von zwei Frauen zu malen. Das Bild habe ich später übermalt, das Thema Mensch ist geblieben.
Ich kann nicht sagen, warum mich ein bestimmtes Gesicht, eine bestimmte Figur anzieht und eine andere nicht. Sicher ist es nicht mit ihrer offensichtlichen Schönheit zu begründen, und auch nicht mit ihrer exotischen Häßlichkeit. Oft werden mir Modelle von Freunden empfohlen. Fast nie taugen diese Empfehlungen. Meistens kommen dann Werbeschönheiten oder Bucklige ins Atelier. Die feine Chemie, die Witterung, die Ausdünstung, das alles muß stimmen und ist irrational. Malen ist ein erotischer Vorgang. Die feinen Windspiele und die barocken Gargantuas, beide ziehen mich gleichermaßen an.
Es gibt zwei unterschiedliche Entstehungsmuster für die Bilder. Entweder fällt mir ein bestimmter Mensch, oder eine oft sehr gegensätzliche Gruppe von Menschen auf, die in der Folge zum Bildinhalt werden. Ausgangspunkt ist dann eine Person mit ihrer besonderen Lebensgeschichte. Ich beobachte den Betroffenen in seinen Lebensgewohnheiten, ich begleite ihn, und oft springt mir ein Detail in seinem Umfeld ins Auge, das sich dann als geheime Chiffre, als Codewort ins Bild drängt und zu einem verräterischen Hinweis auf seine Biographie wird. Oder aber der Vorgang spielt sich genau umgekehrt ab. Ich habe eine dezidierte Idee für ein Bild und suche mir die Gesichter, die als Besetzung für meine Geschichte taugen. In beiden Fällen nimmt das Bild im Verlauf der Entstehung sowieso eine überraschende Wendung. Es macht sich selbständig und bekommt ein Eigenleben. Es wird zu einer eigenen Wahrheit jenseits des Gemalten. Ich begrüße es in der Früh und verabschiede mich am Abend von ihm, und wenn es in einer Ausstellung hängt, spreche ich ihm Trost zu und sage ihm, daß es bald wieder nach Hause kann. Hoffentlich.
Manchmal muß ich ja auch Abschied nehmen von ihm.
Wen ich gemalt habe, der kann meiner Liebe nicht entkommen. Am Anfang jeder Portraitsitzung steht viel Abwehr. Wer gemalt wird, fühlt sich durch die schamlose Beobachtung verunsichert. Die Situation ist ungewohnt. Ich muß Kraft aufwenden, um zu vermitteln, daß es weder um Originalität noch um Gewandtheit geht, sondern einfach um die Wahrheit. Um Authentizität. Die zu erreichen und festzuhalten, ist das Ziel der Anstrengung. Während der Arbeit werden Täter und Opfer, Maler und Modell zu Komplizen und haben zusammen nur noch einen Wunsch, das Bild fertigzustellen. Ist es geschafft – was aus der Sicht des Malers ohnehin oft in Frage gestellt wird – treffen sie sich wie Überlebende aus einer gemeinsam geschlagenen Schlacht und bleiben durch dieses Erlebnis verbunden.
Mit der Zeit stellen sich nach der ersten Abwehr liebe Gewohnheiten ein. Man kennt sich aus im Atelier. Es entwickelt sich ein Rhythmus und eine Vertrautheit. Dennoch bleibt der Druck auf mir, mit den Energien des Modells hauszuhalten und das Bild voranzutreiben, bevor das Gegenüber zusammmenkracht. Es besteht eine groteske Diskrepanz zwischen der idyllischen Ruhe im Atelier und meiner inneren Anspannung. Oft ist die heilsame Ausgleichsgymnastik dann einen Polster oder eine Blechschachtel zu malen. Das Stilleben als Regeneration. Dort gibt es genauso das Erkennen einer Wesentlichkeit, nur der Polster und die Blechschachtel sind geduldiger oder kräftiger – wie man’s nimmt. In jedem Fall sind sie belangloser. Aber die Lust an der reinen Malerei tritt dort manchmal ungehemmter zu Tage.
Das wesentliche Moment beim Malen ist der Vorgang des Malens selbst und der wird – egal ob es sich um ein Stilleben oder um ein Portrait handelt – selbst zum Inhalt. Die Lust an der Farbigkeit, an der Komposition und an der Vitalität des Pinselstrichs, das sind Momente, die die Frage nach dem Verlauf des Nasenrückens vorübergehend in den Hintergrund treten lassen. Zuerst kommt die Malerei, zum Reinbeißen, zur Wollust. Dann kommt die Wahrheit der Geschichte. Wenn Lust und Wahrheit sich finden, dann ist das Bild in Ordnung.

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