Martin Oswald

Martin Oswald

Schon die Titel der Werke erweisen sich als doppelbödiges Spiel. „Hot Wire – Unter Strom“ (2012) lässt sich in Anbetracht der Komposition zunächst ganz wörtlich nehmen. Stromkabel, lose verlegt, ziehen sich als Bild im Bild über den obersten Streifen des großen Querformats, darunter, von einem Neonstablicht hell angestrahlt, zwei Frauen. Unter Strom. Die jüngere im feuerroten ärmellosen Kleid liegt auf einem wuchtig-weißen Sofa, die andere im blauen Blazerkleid beugt sich ihr zugewandt über die Rückenlehne. Sprachlosigkeit. Der Blick der Liegenden, die ihren Kopf auf eine Seitenlehne stützt, verliert sich im Nichts. Es muss eine Vorgeschichte geben, die vorborgen bleibt. Anspannung: Unter Strom. Zwischen dem englischen und dem deutschen Titel besteht – versteckte Ironie? – nur teilweise Übereinstimmung. ´Hot Wire´ (dt.´Heißer Draht´) steht sowohl für eine ´intensive Kommunikation´ (die wir im Bild vergebens suchen, sie wirkt eher brüchig und gestört), als auch für einen rein technischen Terminus, dem ´Hitzedraht´, einem Gerät zur Messung der Stromstärke und Wärmeleitfähigkeit. Doch spürbar ist alleine die innere Erregung des Betrachters. Werden Metaphern so deutlich malerisch ins Bild gesetzt, dann ist die Versuchung groß, nach weiteren zu recherchieren. Dürfen wir die Farbe der Kleider symbolhaft deuten? Steht Blau für das Reine und Entgrenzung? Rot für Aufgewühltheit, Aggression, Erregung? Tradierte ikonografische Bezüge versagen, nicht ohne dennoch mitzuschwingen. Wir denken an das Doppelporträt des Ehepaars Guillemet „Im Wintergarten“ (1879) von Edouard Manet, einem Werk, dessen Gestus und Atmosphäre in „Hot Wire – Unter Strom“ zitathaft anzuklingen scheint.
In Xenia Hausners Kompositionen bleibt nichts dem Zufall überlassen: Es sind höchst sorgfältig aufgebaute szenische Arrangements, die in der Vorbereitung keinen Aufwand scheuen. Dazu gehört die Konstruktion kulissenartiger Staffagen im Atelier genauso wie ganze Serien fotografischer Vorstudien. Das Bildpersonal, zumeist Frauen, lebt von einem unverwechselbaren Kolorit. Wohlkalkulierte Hell-Dunkel-Gegensätze, intensive Valeurs, Bewegung und Gegenbewegung sowie ein präzise modellierter Farbauftrag erzeugen Bilder jenseits des Episodenhaften, die sich über jede Zeitlichkeit erheben und doch aus ihr herausgeschnitten scheinen. Es sind Filmstills zu Filmen, die das Leben dreht. Ein raffiniertes Setting der Personen im Mobiliar des scheinbar Alltäglichen suggeriert, mit einer uns bekannten Szene konfrontiert zu sein, um dann die Fremdheit umso mehr zu spüren. Es sind Bildsituationen, die sich auf das kollektive Gedächtnis der Betrachter stützen. Bilder, die sich einbrennen, die Fragen aufwerfen und keine Antwort liefern. Die Frauen, die Xenia Hausner ins Bild setzt, sind verletzlich, nur deshalb distanziert. Wer sie sieht, will mehr wissen, sucht nach einem erzählerischen Kontext, nach einem Davor, nach einem Danach. Dabei scheint alles transparent und offen vor uns ausgebreitet: Selbst der Gestaltungsprozess ist ablesbar im Pinselduktus. Dennoch verschließt sich die Szenerie. Die somnambulen Blicke der Porträtierten verweigern sich weitgehend dem Kontakt. Als ob sie schon alles wüssten. Sie machen die Betrachter zu stillen Betroffenen. Der Sog ins Bild endet im Metaphysischen. Eine Geschichte dazu wird nicht geliefert.
Es ist die besondere Stärke der Kunst Xenia Hausners, solche Momente einer stillen, geradezu unaufgeregten Emotionalität in Form fast magischer Gemälde auszustellen. Die Lust an der Malerei ist allenthalben spürbar.

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