Ladies First

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XENIA HAUSNER

LADIES FIRST
Second Thoughts

Wienand Verlag, Köln 2003
88 Seiten mit 65 Abbildungen in Farbe
Deutsch / Englisch, gebunden
ISBN 3-87909-824-7

Mit einleitenden Essays André Heller, Elfriede Jelinek und Peter Weiermair.

André Heller
Anmerkungen zu Xenia Hausner
Mein Maßstab lautet: Erstaunt mich etwas? Vermag es mich positiv zu erschüttern? Macht es mich fähiger? Vermittelt es mir Einsichten? Kurz: geht es mich etwas an oder nicht?
Die Arbeitsergebnisse Xenia Hausners gehen mich durchaus etwas an. Sie übt das Handwerk der Menschenmalerei aus. Charakterbilder sind ihre Hauptbegabung. Körper und Gesichter bietet sie uns dar. Bannt aus Farbnuancen Schicksalsmomente auf Leinwand, in einer magnetisch wirkenden Mischung aus Zuneigung und Erbarmungslosigkeit.
Und immer wieder Frauen. Was Lucian Freud für die malerische Wahrnehmung von Männern leistet, könnte Xenia Hausner einer nicht mehr allzu fernen Nacht für das Weibliche erreichen. In dem vorliegenden Buch erhält man Einblick in ihre Arbeitsmethode.

Peter Weiermair
Zu den Combines von Xenia Hausner
(…) Bei diesem nunmehr erscheinenden Arbeitsbuch spricht Xenia Hausner pointiert nicht vom „Studio“ (einem Maler angemessen), sondern vom Labor (wie bei einem Fotografen) und fügt den Begriff der Damenwahl für die Serie der erwartungsvoll den Leser sowie die Malerin musternden Frauen ein. Der Begriff kommt aus dem Tanzstunden- und Ballvokabular. Er modifiziert hier ironisch das Verhältnis von Maler und Modell. Der Terminus “Labor“ verweist wiederum auf die wichtige Rolle des Fotografen in diesen, unterschiedlichen Medien, in zurückhaltender Weise auch die Malerei, benutzenden „mixed media“ Werken. Am Rande verweist die Malerin bereits auf eine neue Serie von Bildern, in denen sie einen Dialog zwischen Werken der zeitgenössischen Kunst und ihren allein malerisch bewältigten Modellen beginnt. Ausdruckswerte der Werke etwa eines Artschwager oder Stella werden mit dem Ausdruckswert ihrer Modelle überlagert oder in Bezug gesetzt. (…)
Ich sehe Xenia Hausners Bericht aus ihrem Labor als einen solchen, für sie wichtigen, sie in ihrer malerischen Authentizität jedoch nicht erschütternden,  experimentellen Ausflug in einen Dialog der Medien an.
Kennen wir einerseits die Tradition der Rolle der Fotografie als Hilfsmittel, so existiert zum anderen seit der Collage des Dadaismus bis hin zu den „Combines“ eines Robert Rauschenberg, oder vor allem auch in der ästethisch-philosophischen Reflexion Andy Warhols, das durch Collage und Montage wie auch Verfremdung in Druck zugespitzte Identitätsproblem mit den Fragen nach Wirklichkeit und Wahrheit der Bilder. Xenia Hausner liefert aus ihrem „Labor“ für dieses Thema neue aktuelle Belege und geht dabei ästhetischen Fragen im Schatten ihrer Malerei nach die wiederum für die neue malerische Produktion relevant werden können. In ihren „Combines“ werden die Teile eines figurativen oder abstrakten Puzzles für die Lektüre des Portraitierten aufschlussreich. Der Betrachter identifiziert die dargestellte Person mit den abstrakten Beigaben, Muster wie Ornament, Farbe wie Zuschnitt der eingepassten Stücke, derart das Portrait erweiternd.

Elfriede Jelinek
Der Tod und das Mädchen
Der Jäger: Bei mir werden Sie sie jedenfalls nicht finden, Ihre Zwergerln. Ich bin Offizier fürs Offene, nicht für die Verwicklungen, die darin entstehen könnten. Ich merke natürlich, wenn etwas in mein Offenes hineinsieht, eine Ecke, eine Wesensfolge in Tiergestalt — ich kann Ihnen versichern, auf die zweite Folge bin ich längst nicht mehr so scharf wie meine Flinte, die immer noch hechelt, tropft und keucht – nein, andersrum, eigentlich möchte ich das Offene lieber in mir verwahren und aufheben wie ein Tuperware- Geschirr. Deshalb wurde ich Jäger. Deshalb bin ich am Zwerg Wahrheit, den Sie, ausgerechnet hier im Wald, suchen, nicht interessiert. Ich bin der Riese Unwahrheit. Lösche alles, was ist, mit meinem umfassenden Löschprogramm. Habe aber bei der Wahrheit meine Lehrzeit absolviert und kann daher notfalls auch sie darstellen. Sodaß wir, Sie und sogar ich selbst, glauben, ich sei die Wahrheit, und zwar die letzte, die im Handel noch erhältlich ist. Ich behaupte mich schon lange mit dieser Behauptung. Meine Lebensumstände: verborgenes Anstellen am Anstand, sich vor Tieren als Gestell verstellen, ein paar Riesen, wie man selber einer ist, abdrücken. Fertiggemacht ist das Wesen. Sieh da, es ist ein Fertiggericht, und einen Richter wird es nicht fürchten müssen. Der einzige, der den Richter nicht fürchten muß, ist der Tod. Ich bin überall und immer legal unterwegs, auch wenn ich die Geschwindigkeit gern mal überschreite wie den Todesstrom, mit einem einzigen Schritt meiner benutzten Beine. (…)

Xenia Hausner
Meine Concubinen
Ich schneide gern Bilder ab und stückel sie wieder an, deswegen arbeite ich auf Holz. Die bemalten Teile im Probierstadium sind meistens aus Karton und werden mit Heißkleber ungeduldig auf´s Bild gedrückt. Diese Arbeitsrituale haben überhandgenommen, so dass es schon wurscht ist, wie begonnen wurde, weil sowieso klar ist, dass angestückelt wird. Mit der Zeit hat sich der Genuss am Anstückeln verselbständigt.
Die Pappteile mit ganz unterschiedlichen Restmotiven ergeben eine Sammlung von farbigen Versatzstücken, nur für das eingeweihte Auge dem Arbeitsprozess an einem bestimmten Bild zuzuordnen. Dazu sammle ich seit Jahren Papiere unterschiedlichster Art, Verpackungsmaterial, bedruckte Tüten etc. Besonders auf Reisen fällt mein Blick oft lustvoll auf ganz triviale Dinge, weil sie mir durch Farbe oder seltsames Muster ins Auge stechen. Diese gefundenen Objekte sind früher in den Bildern als gemalte Stillleben aufgetaucht. Nun finden sie oft direkten Eingang ins Geschehen und bilden eine Brücke zwischen dem Foto und der Malerei.
Zum Unterschied von digital bearbeiteter Fotokunst verwende ich aber die handwerklichen Mittel des Malers: Pinsel, Farbe, Schere, Karton und führe so auf „analogem“ Weg die Verbindung von Farbe und Foto herbei. Das Foto dient letztendlich als simulierendes Trägermaterial für den Farbeinsatz.
Meine Neugier bei der Beschäftigung mit dem Bildmaterial – alles Arbeitsfotos mit Kleinbildkamera einzig auf die Ergründung einer Wesentlichkeit für den malerischen Zweck erzeugt – hat unweigerlich dazu geführt, dass ich mich farblich nicht beherrschen konnte und das Foto weitergedacht und ergänzt habe. So entwickelt sich die Handlung anders weiter und stellt die Akteure vor eine neue Situation.
Peter Weiermair hat den Begriff der „Combines“ benutzt – mir gefallen die „Concubines“ dazu ein – die Damen meiner Wahl nämlich, die das Leben im Atelier mit mir teilen. Deren Lebensgeschichte wird mit neuen Mitellen erzählt und führt so zu anders verlaufenden Romanen. Der Mensch steht weiter im Zentrum der Betrachtung, seine Verstrickungen werden eigenartiger, früher grad verlaufende Handlungsfäden verschlingen sich mit rätselhaften Objekten.
Das Buch verfolgt den gedanklichen Ansatz auf graphische Ebene und dokumentiert den Weg zum realen Objekt.