Damage

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XENIA HAUSNER
DAMAGE

Hirmer Verlag, 2011
152 Seiten, 110 Abbildungen in Farbe
29,5 × 27,5 cm, gebunden
Deutsch/Englisch/Chinesisch
ISBN 978-3-7774-4281-5
Mit Essays von Peter Assmann, Rainer Metzger, Clarissa Stadler und Xiao Xiaolan.

 

Dieser Band gibt mit vielen Arbeitsfotos Einblick in das Atelier der Künstlerin und zeigt in 75 Farbabbildungen Arbeiten aus verschiedenen Werkabschnitten die in einer Einzelausstellung in Shanghai gezeigt werden.
Im Mittelpunkt steht eine neue Gruppe von Arbeiten – die allesamt zwischenmenschliche Auseinandersetzungen und Gratwanderungen im Beziehungsleben untersuchen. Xenia Hausner erkundet Spuren der Gewalt, der Blick der Malerin erforscht das unsentimentale Scheitern ihrer Protagonisten – so entstehen geheimnisvolle Bilder aus der Welt des Alltags, die sich mit Liebe und Verlust und mit den Katastrophen unserer Gegenwart beschäftigen. Ihre Arbeiten sind zwischenmenschliche Gesellschaftsbeschreibungen, die zwar zutiefst persönlich sind, aber in der Suche nach Wahrhaftigkeit über das Individuelle hinausgehen.

Peter Assmann
‘Damage’ und andere Beziehungen – zur aktuellen Werkentwicklung von Xenia Hausner
Xenia Hausner führt in ihrer künstlerischen Arbeit in markantester Weise einen aktuellen Erkenntnisstand der Malerei mit einem solchen der Fotografie zusammen, ergänzt durch ein präzises Wissen über die Frage von Inszenierungen, über das Spannungsfeld von Kulissen, Komparsen, Auftrittsräumen, Akteuren und ihren Bühnen, das sie aufgrund ihrer jahrelangen erfolgreichen Arbeit als Bühnenbildnerin erworben hat.
Souverän setzt sie zudem eine weitere wichtige Errungenschaft der europäischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts in ihre Bildarbeit ein: die Collage, die Kombination unterschiedlicher Elemente zu einem neuen bildhaft wirkenden Ganzen, zu einer neuen Bildverdichtung.
Xenia Hausner agiert in ihren malerischen Akzenten in betonter Weise selbstreflexiv. Aus dem Bewusstsein der Künstlichkeit jeder Bildkonstruktion heraus werden keine Illusionen der Wirklichkeit gesetzt, sondern vielmehr eine Illusionsgeschichte der jeweiligen Bildpräsentation angreifbar gemacht. Nichts vortäuschend, werden dennoch die Qualitäten malerischer Täuschung vorgestellt. Der malerische Farbauftrag erfolgt mit der Zielsetzung der Ausdruckssteigerung, aber auch aus dem Bewusstsein der aktuellen Omnipräsenz medial transportierter Bildwirkungen der Alltagsrealität der jeweiligen Betrachter ihrer Bildkompositionen heraus; hier sind insbesondere die Bilderfahrungen von Film- und Video entscheidend.
So bleibt der gesamte Prozess der Bildkomposition als Summe unterschiedlicher Gestaltungsvorgänge transparent und in seinen Abschnitten nachvollziehbar; nicht zuletzt deshalb, weil auch Fotos collageartig in das künstlerische Bildwerk integriert werden, wie dies auch in behutsamer Form andere Materialien werden können.
Die dadurch entstehende Bildkomposition ist ein malerisches Produkt und zugleich fotorealistisch. Sie zitiert in vielfacher Hinsicht ein davor und danach – in arbeitstechnischer Hinsicht wie auf einer semantischen Ebene wird hier gleichsam der „filmische Blick“ des Betrachters angesprochen, der das vorgestellte Bildangebot als eine Art von Filmstill wahrnimmt und narrativ nach vorne und hinten verlängert. (…)

Clarissa Stadler
Wendung zum Niedergang
Der Abschied nach der Katastrophe ist kein freiwilliger Akt. Er macht willenlos und bewusstlos. Eigentlich entsteht er erst im Rückblick, als Puzzle tausender Teile, die zusammen genommen auch keinen Sinn ergeben. (…)

Xiao Xiaolan
Was stellst du dar. Eine Analyse von Xenia Hausners Kunst der Portraitmalerei
Xenia Hausner ergreift und extrahiert den Zustand, in dem Menschen psychisch und physisch das Äußerste erreichen, komprimiert und beschreibt ihn. Dabei regt sie den Betrachter dazu an, sich ausgehen von seiner eigenen Lebenserfahrung Gedanken darüber zu machen. …
Der Betrachter wird von dem Bildinhalt angezogen, und er wird veranlasst, diese Deduktion, die gleichsam Bühnenfotografien sind, zu erfahren.
Seit dem Jahr 2003 verbindet sie ihre Malerei auch mit Fotografie. (…) Xenia Hausner hat erkannt, dass das Zitieren oder wiederholte Verwenden von Bildern eine wirkungsvolle Methode ist, um die subjektiven ästhetischen Regeln des Künstlers miteinander zu verbinden. Was sie aus den figurativen Bildern erkennt, ist die Sprache und das Sehvermögen der Körper sowie das darin enthaltene Bewusstsein.(…)

Rainer Metzger
Blindes Geschehen – über Kunst, Kontingenz und die jüngsten Arbeiten Xenia Hausners
Xenia Hausners Bilder lassen sich schwer in die Karten blicken. Eine fixe Bedeutung, eine Geschichte oder gar eine Ikonografie ist nicht auszumachen. Eine berühmte Untersuchung zum abendländischen Bild sieht eine Entwicklung von „Icon to Narrative“, weg vom Close Up der auf das Antlitz fixierten Ikone hin zur Einbettung von ganz und ganzheitlich erfassten Figuren in einen erzählerischen Zusammenhang. Bei Xenia Hausner schließt sich, so könnte man sagen, der Kreis. Diese Figuren haben sich vom Narrativen verabschiedet und sind wieder Ikonen oder zumindest, wie man nach der Pop Art zu formulieren hat, sie sind wieder Images. Diese Figuren haben allesamt eine Geschichte, und man sieht sie ihnen auch durchaus an. Nur welche? Sie geben programmatisch nichts preis.
Der Präzedenzfall einer solchen Kunst der Verweigerung von Preisgabe liegt im 19. Jahrhundert. Edouard Manet hat sie begründet, und sich dafür das Prädikat eingefangen, der modernste aller modernen Maler zu sein. Manets Personen leben von der programmatischen Verweigerung von mimischen Akzenten; eine reine Optik des Gesichts entsteht, ein Materialismus des Fazialen, der die einzelnen Bestandteile des Antlitzes zwar vorführt, für den aber schon damals die Zusammenfügung dieser Details zu einem Ausdruck zuviel an Integrations- und Interpretationsarbeit bedeutete. Das ausdruckslose, man könnte auch sagen: das leere Gesicht ist Manets malerische Paradeformel; es ist signifikant gerade durch die Verweigerung von Signifikanz.
An der Diagnose hat sich nichts geändert. Die Mentalität der Gegenwart ist die Wurzellosigkeit, die Losgelöstheit, das Dasein in der Passage. Und so steht es in der Tradition von Baudelaires Ästhetizismus und Manets Malerei des Phänomenalen, was Xenia Hausners Kunst ausmacht. Ennui ist nicht mehr der Begriff für diese Mentalität, er hat sich verbraucht, denn auch und gerade ein Status Quo der Unsicherheit braucht seine Innovationen, und lägen sie ausschließlich in der Unverdorbenheit eines neuen Begriffs. (…)

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