Elisabeth Schweeger

Elisabeth Schweeger: Die Kraft des Faktischen

Fenster eines Zuges, mit Kinderköpfen gefüllt, zerrend, schauend, flehend, vielleicht auch neugierig – Hin- und hergerissen zwischen einem Dahinschwindendem und einem neuen Unbekanntem.
Die Bilder von Xenia Hausner füllen einen Transitraum zwischen Sehnsucht und Angst, zwischen Hoffnung und Verlassensein. Verjagt oder gerettet? Das Fremdsein in einem Augenblick des Vorbeifahrens festgehalten – wie ein Foto und doch keines: Sich scheinbar auf ein Faktisches berufend, eine Momentaufnahme suggerierend, führt die Malende die Betrachter in die eigene Welt der Erinnerung – viel plastischer, viel realer als eine Fotografie es je behaupten könnte. Eine Erinnerung, die die Schrecken der Verfolgung, des Ausgeschlossensein, des Hasses, des Krieges und des Todes wach rufen, aber auch einen Blick in eine Ferne andeuten – Flucht oder Aufbruch? Erschrecken oder Zuversicht? Die “nachempfundene” Realität dieser zu Hauf allein gelassener Kinder lassen am Faktischen keinen Zweifel: kein Ort nirgends, in dem sich diese jungen Menschen befinden, weder hier noch dort. Sie kennen keine Anbindung, sie beginnen eine Reise in eine Zukunft ohne Bestimmung, ausgeliefert einem Ungewissen.
Und der Betrachter: ebenso ausgeliefert und allein gelassen, ausgeschlossen von diesen wegfahrenden Menschen. Im Vorübergehen bleibt das große Staunen über die Kraft des malerischen Ausdrucks über einen allzubekannten Zustand der Ausgrenzung: Das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit in der Anschauung entspricht dem Gemalten zeitlosen und doch so heutigen Blick auf das Fremd- Sein.

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